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Westrom
fällt zum zweiten Mal
einer bezaubernden Temuriden-Prinzessin
namens M. T. (H.) zu ihrem Ehrentage gewidmet
Jules-Francois Svinien Lemarcou. Havelsee. Als
der Yankee-Staat 1796 gegründet wurde, begann in Europa das Zeitalter
des aufgeklärten Klassizismus heraufzudämmern, der auf den Fundamenten
der Renaissance aufbaute.
Die Gründerväter und Verfasser der Unabhängigkeitserklärung waren Sprösslinge
dieses Zeitalters, mindestens noch mit einer Hälfte ihres Wesens dem alten
Kontinent verhaftet.
Nicht umsonst zitiert die große, staatstragende Architektur in Philadelphia
und in Washington und teilweise sogar in Neu York in wahrhaft beeindruckenden
Dimensionen die Antike, vornehmlich die Athens und Roms.
Der demokratische Grundgedanke des sich von Fürstentyrannei befreit zu
haben glaubenden neuen Staatswesens referenziert auffällig das Verständnis
und die Sichtweise dieser Epoche auf die römische Republik. Die Parallelen
sind nicht zu übersehen und absolut gewollt.
Der Niedergang des Imperiums der Römer begann mit dem Tode des Augustus
im Jahre 14 n. u. Z. Ab und an wetterleuchtete in der Folge noch eine
überragende Gestalt durch den Haufen an menschlichem Müll, der fortan
den Thron der Cäsaren seit Octavians Tod diskreditierte.
Gleich auf den ersten Kaiser bestieg das Ungeheuer Tiberius den Thron,
kurze Zeit später Psychopathen wie Caligula, Nero, Caracalla, Elagabal,
Commodus …
Trajan knüpfte noch einmal an die Größe und Bedeutung des Imperiums an.
Marcus Aurelius verlieh ihm noch einmal philosophischen Glanz, Konstantin
fasste es noch einmal in seiner Gänze zusammen, verlegte dann aber seinen
Regierungssitz nach Byzanz und zementierte damit die Spaltung des Imperiums,
welche in mehr als einer Hinsicht bis heute andauert.
So ist Moskau das Dritte Rom, nach der Ewigen Stadt und Konstantinopel
– mithin ein Abkömmling Ostroms – während sich Washington als das Zweite
Rom betrachtet und damit Konstantinopel ignoriert, obgleich die Bosporus-Metropole
geschlagene eintausend Jahre länger durchgehalten hat als Westrom.
Der griechische Osten blühte auf, er, der sich als ehemaliger unterjochter
Teil des Imperiums über seine lateinische Herrschaft erhob – doch wer
wäre sich feindlicher gesonnen als zwei Brüder im Kampf um die Macht!
Das war einer der Gründe, warum die Katholiken dem bedrängten Byzanz nicht
mehr zur Hilfe kamen, als dessen Staatsgebiet 1453 auf die Ausdehnung
der Stadt Konstantinopel zusammengeschmolzen war. Nikolaus V. wird sich
in seinem blöden Hass vor Freude überschlagen haben, als Konstantin XI.
den Heldentod an der Theodosianischen Mauer fand.
Für die oströmischen Brüder war es allemal besser, unter den Türken zu
sterben, als unter den weströmischen Brüdern zu leben und diese fanden
es vorteilhafter riesige christliche Gebiete an die Muselmänner zu verlieren,
als es von ihren Brüdern regieren zu lassen, die sich beharrlich weigerten,
vor ihnen das Knie zu beugen.
Menschen können so abgrundtief vernagelt und dämlich sein! An der Quittung,
welche das Leben im Allgemeinen für Dummheit ausstellt und speziell an
dieser Rechnung, hat das Abendland noch heute zu knabbern. Konstantinopel
beherrschte den Bosporus, wie Istanbul das heute tut. Glückwunsch – ihr
Idioten!
Von Westrom sprach nach der Abdankung des Romulus Augustulus niemand mehr.
Karl der Große und seine Nachfolger wollten die römische Idee zwar wiederbeleben
– das blieben aber alles nur saft- und kraftlose Kopien, die nichts, aber
auch gar nichts mehr mit dem römisch-republikanischen Gedanken gemein
hatten. Das zielte alles nur noch auf imperiale Macht ab, wie sie sich
in Europa zum Schluss in der finsteren Klosterburg des Escorial dämonisierte.
Das Streben nach individueller Macht und Einflussnahme verträgt sich schlecht
mit republikanischen und demokratischen Gedanken – denn letztere zielen
auf Verständigung, Teilhabe und Ausgleich ab – welches das erklärte Gegenteil
von Kumulation und Konzentration ist.
*
Aus diesem Grunde
begann der revolutionäre Grundgedanke der amerikanischen Gewaltenteilung
alsbald aufzuweichen, zu erodieren und in sein Gegenteil umzukippen. Die
Zentralregierung in Washington sollte ursprünglich nur die gemeinsamen
Interessen der Vereinigten Staaten verwalten. Washington sollte eben kein
Brennpunkt der Macht werden, wie das Alte Rom oder später Paris.
Man wollte bewusst diese Entwicklung vermeiden, weil sich die Macht Weniger
und die Freiheit Vieler eben gegenseitig ausschließen.
Die Freiheit der
Eroberer – nicht der Indianer, der Hispanos oder der Neger wohlgemerkt
– sollte aber eben das höchste Gut des jungen Gemeinwesens sein, wie bereits
die kolossale Hafenbraut verkündet, welche vor Neu York in den Ozean gestellt
wurde.
Also sollte einer einseitigen Machtkumulation mit dem System der „Checks
and Balances“ vorgebeugt werden.
Das mag 1972 -1974 im Zuge des Watergate-Skandals noch so einigermaßen
funktioniert haben. Ab da aber verkam der Bürosessel im Oval Office zunehmend
zu einem modernen Cäsarenthron, von welchem aus wieder imperiale Pflöcke
rund um den Globus eingeschlagen wurden.
Wie erinnern uns, dass Kissinger und die CIA schon im September 1973 den
demokratisch gewählten, sozialistischen Ministerpräsidenten Chiles, Dr.
Salvador Allende, in der Moneda Santiagos über den Haufen ballern ließ,
um den Erzteufel und Faschisten Pinochet als amerikanische Marionette
zu installieren. Zu diesem Zeitpunkt waren die Yankees noch nicht einmal
aus Vietnam verschwunden. Erst zwei Jahre später gaben sie in Saigon Fersengeld.
**
Diie Kommunisten fanden
in ihrer Analyse der Dynamik und Entwicklung von Gesellschaftssystemen
heraus, dass diese – zumindest empirisch betrachtet – unabänderlichen
Gesetzen des Werdens, Bestehens und Vergehens folgen.
Damit lagen sie gar nicht mal so verkehrt, scheiterten jedoch an dem Trugschluss,
dass diese Dramaturgie mit ihrer kommunistischen Utopie ein Ende hätte
und sie damit den Gipfelpunkt allen Seins, wenn nicht sogar der gesamten
Evolution erreichen würden.
Ihnen, die das große Ganze zu überblicken glaubten, fehlte es an einem
Sinn für die alles entscheidenden Details, in denen bekanntlich der Teufel
steckt und die das Gesamtsystem in ihrer Summe schließlich unweigerlich
von innen destruieren.
Der Grundgedanke aber war exzellent: Von Klios Hochstand aus kann man
bequem das Auf und Ab der Imperien rund um den Globus durch die Zeitläufte
hindurch beobachten und aus den gewonnenen Erkenntnissen eine zuverlässige
Prognose für die gegenwärtig existierenden Machtzentren ableiten, die
keines Orakel aus Delphi mehr bedarf.
Bemerkenswert ist auch, dass sich die Lebensdauer dieser Herrschaftssysteme
umso kürzer erweist, als der Grad der Technologie- und Organisationsstufe
zunimmt, auf der sie fußt. Möglicherweise lässt sich das sogar unter Zuhilfenahme
des biologischen oder Eulerschen Logarithmus beschreiben.
Vorboten eines solchen bevorstehenden Untergangs eines Imperiums sind
meistens Dekadenz und Degenration, Erstarrung und Abkehr von jeglicher
Flexibilität, Risikovermeidung und Besitzstandswahrung.
Am Beispiel der USA des anbrechenden dritten Jahrtausends ist dies überdeutlich
zu erkennen.
Bezeichnend sind ebenfalls Tendenzen, innere Verfallserscheinungen mit
der Provokation und Ausfechtung äußerer Konflikte zu übertünchen, zu kaschieren
oder gar zu bekämpfen, bevor die Kosten dieser äußeren Konflikte die inneren
Spannungen dermaßen anheizen, bis es zur bürgerkriegsartigen Ex-, dann
zur Implosion kommt.
In diesem Stadium befinden sich unserer Ansicht nach die USA der Gegenwart.
Noch einmal marschieren die Legionen, noch einmal durchpflügen die Flugzeugträger
die Ozeane, während die Masse der Rednecks, der Evangelikalen, der kreationistischen
Hillbillys und der anderen Idioten, die seinerzeit das Capitol stürmten,
um ihren so lang ersehnten Antichristen doch noch zur Macht zu bringen,
begreifen, dass sie wieder einmal und naturgemäß als blöde Verfügungsmasse
missbraucht, verarscht und in keiner Weise in ihren Lebensumständen gebessert
wurden.
Vollmundige Ankündigungen des Irren aus dem Oval Office verpufften samt
und sonders im „great western sky“ wie die Feuerwerksraketen zum Unabhängigkeitstag.
Am Ende werden sich diese armen Kretins eine neue Dolchstoßlegende basteln,
die finstere auswärtige Mächte und innere Subversive adressiert, um ihr
Idol Donald Trump von jeglicher Schuld reinzuwaschen.
Denn sie – deren großer amerikanischer Traum doch immer die Autonomie
und Autarkie des Individuums, die absolute Eigenverantwortung thematisierte,
sie gaben diese Eigenverantwortung im selben Maße an die Zentralregierung
in Washington ab, je mehr diese alle Macht und Verfügungsgewalt an sich
zog.
Von nun an ließ sich die Regierung für alles verantwortlich machen, ohne
dass man sie zur Verantwortung ziehen konnte. Das bedeutete in der Folge
nicht mehr und nicht weniger als die Zerstörung des Gedankens der SPQR,
der Einheit von Senat und Volk, von Regierung und Regierten.
In just dieser Entkopplung steckt der Keim des unvermeidbaren Untergangs
eines demokratisch verfassten Staatswesens. … stak er immer, immer und
immer wieder.
Was übrig bleibt, ist eine Autokratie, ein politischer Leichnam einer
einst großen, aber auf Dauer nicht durchsetzbaren Idee. Alles, was sich
dann noch als Revolution tarnt, um dieses unselige System abzulösen, entpuppt
sich in der Regel alsbald nur als gleichwertiger Substituent mit anderem
farblichen Anstrich, aber identischem Kern – man studiere die Entwicklung
Persiens nach der Entmachtung Mossadeghs ab 1953, man studiere die Große
Sozialistische Oktoberrevolution von 1917.
***
Europa ist dabei, sein
Tafelsilber zu verscheuern und in die Bedeutungslosigkeit abzurutschen.
Es hält keine geopolitischen Trumpfkarten mehr in der Hand. Es ist pathologisch
heterogen, zersplittert, interessendivergiert, unregierbar.
Ein letzter Diamant ruht noch in den Gewölben seiner virtuellen Schatzkammer:
Es ist die große Idee des Humanismus und der Aufklärung. Wenn diese letzte
Preziose verdampft ist, dann ist Europa wieder dort angekommen, wo es
vor anderthalbtausend Jahren schon einmal und seitdem immer wieder war:
in einem Zeitalter finsterster Barbarei.
Apokalyptische Zerstörung allerorten, wenn die Hungernden übereinander
herfallen, um dem Schwächeren das Letzte zu nehmen, nur um das eigene
leidvolle Überleben noch ein wenig zu verlängern. Nur, dass es dann keine
Ressourcen für den Wiederaufbau mehr geben wird – man besehe sich die
in den Museen hängenden melancholischen Schäferidyllen des Barock vor
dem Hintergrund der Ruinen Roms. Das sind weiß Gott prophetische Gemälde.
Was aus dem Zweiten Westrom wird? Nun, Westrom Nummer Eins wurde von den
Barbaren aus seiner Peripherie überrannt. Es gibt keinen Grund, warum
sich das nicht wiederholen sollte. Die Grenze am Rio Grande hält dem Ansturm
des von den USA beanspruchten Hinterhofs Mittel- und Südamerika ebenso
wenig auf Dauer stand, wie der Limes oder der Hadrianswall das Imperium
einst zu schützen vermochten.
Die „Barbaren“ strömen nach Norden, hauen alles kurz und klein, und dann,
wenn sie sich etwas beruhigt haben, werden sie versuchen, eingedenk der
einstigen Macht, Größe und Bedeutung der USA, ein bisschen „USA“ zu spielen,
wie es die Vandalenfürsten taten, die sich auf den Marmorthron der Cäsaren
setzten, glaubend, dass sie nun diesen ebenbürtig seien.
Dieses Szenario beschrieb Rudyard Kipling bereits in seinem Buch von Mowgli,
als er den Affenkönig in den Dschungelruinen einstiger Paläste auf groteske
Weise Hof halten ließ.
Wir sahen das exakt so bei Hunerich, Odoaker, bei Theoderich und den anderen
Warlords – denn mehr waren diese Gestalten nicht. Sie waren gewalttätige,
gierige Schläger mit ein paar politischen Instinkten – darüber hinaus
lohnen sie kaum eines ehrenden Gedenkens.
Die großen Zeiten eines Imperiums sahen beinahe immer große Führungspersönlichkeiten.
Das war in Rom nicht anders als in Washington. Auch die USA hatten ihren
Lincoln, Roosevelt, Jefferson, Kennedy ...
Wenn jedoch eine Ära begonnen hat, in der man eine Führungspersönlichkeit
auch unbemerkt durch einen dressierten Affen austauschen kann, dann satteln
die apokalyptischen Reiter bereits ihre Schindmähren.
Der Sonnenuntergang, in welchen die dann reiten, ist gleichzeitig der
Beginn einer langen, dunklen Nacht für das einstige, strahlende Imperium
und in aller Regel auch für dessen Vasallengebilde.
Na dann, USA, besteht unser letzter Wunsch für dich, du mögest wenigstens
im Untergang eine Haltung des Anstands und der Ehrenhaftigkeit erlangen,
von denen bislang nur Hollywood pausenlos schwadronierte, welche du aber
selbst in der Zeit deiner großen Tage nie besaßest.
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