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Sippenhaft

Michael L. Hübner. Havelsee.Der ehemalige Vizekanzler von den Grünen gerät unter Beschuss, weil er zu lange über die Nazivergangenheit seiner Urgroßväter geschwiegen hätte.

Der Landbote artikuliert sich in dieser Hinsicht ganz klar: Sippenhaft ist ein Werkzeug aus dem Unterdrückungsrepertoire der Nazis. Das ist schreiendes Unrecht. Auf so eine Lumperei ist es nicht einmal wert, gespuckt zu werden.

Niemand, auch kein Robert Habeck, auch kein Fritze Merz, ist in Misskredit zu bringen, weil seine Ahnen irgendetwas waren. Dafür kann niemand etwas und eine solche biblische Stigmatisierung, welche „die Sünden der Väter heimsucht bis ins siebte Glied“ ist ein bösartiger Anachronismus, der vielleicht für Völker gelten mag – nicht aber für Individuen.

Der arme Niklas Frank und die ebenso bedauernswerte Monika Hertwig tun uns in der Seele leid. Niemand, der sich nicht selbst die Hände dreckig gemacht hat, verdient es Abkömmling eines dämonischen Monsters zu sein und hat auch mit deren Dreck nicht beworfen zu werden. Wer das tut, ist ein elender Strolch!

Doch da liegt auch ein Hase im Pfeffer. Wäre ja auch komisch, wenn’s anders wäre.

Solche bedauernswerten Mitmenschen stehen nur allzu oft an einem Scheideweg. Tradieren sie aus Familienloyalität und/oder sozialisatorischen Erwägungen heraus die Gedanken ihrer monströsen Vorfahren oder distanzieren sie sich und versuchen im Rahmen von geistiger und materieller Wiedergutmachung die Taten dieser Kreaturen wieder gut zu machen?

Eine Gudrun Burwitz, Tochter von Heinrich Himmler, mag getrost mit ihrem Vater am Pranger stehen und im ewigen Höllenfeuer brennen. Auch einer Edda Göring möge diese abgrundtiefe Verachtung zuteilwerden.

Wenn man sich der Sache nun von dieser Seite her nähert, dann sollten Merz und Habeck hellhörig werden.

Antirussisches Kriegsgebell klingt vertraut, wenn man das Geifern des Völkischen Beobachters und der Wochenschau als Referenzwerte heranzieht. International werden da auch ganz schnell Parallelen herangezogen und es ist einem Ministerpräsidenten Orban ein innerer Vorbeimarsch, wenn er einem deutschen Bundeskanzler eine beispiellose Instinktlosigkeit vorwerfen kann, da dieser dem Hunnen just am Jahrestag der Besetzung Ungarns eine verbale Attacke liefert, die an politischem Entgleisungspotential kaum noch zu überbieten ist.

Wenn das Absicht war, dann erweist sich der Bundespinocchio als Falke und übler Zündler.

War das einfach nur geschichtsvergessen, dann offenbart sich eine gigantische historische Bildungsferne, die in jedem Staate, der an seinem politischen Überleben auf der internationalen Tribüne interessiert ist, ein absolutes Ausschlusskriterium für die Besetzung des Postens eines Regierungschefs sein muss.

Das ist nämlich wie auf dem Schachbrett eine Einladung an alle Gegner zum Schäferzug.

Der Kreml hat aufgrund der Kriegsrhetorik des Lügenfritzen auch gar kein Problem damit, das Genogramm dieser unseligen Personalie genüsslich wieder und wieder auszuwalzen, zumal Fritze ja verzweifelt um sein warmes Plätzchen auf dem Kaminvorleger des Oval Office bzw. im colon sigmoideum von Uncle Sam kämpft und seine Rhetorik angesichts der verbrecherischen Angriffskriege gegen Caracas und Teheran durch seinen Herrn und Meister beinahe völlig verstummt.

Das wirtschaftsferne Grünen-Bobbele schwamm auf einer ähnlich russophoben Welle und verwies seine Freundin und Außenministerin sowie den Panzertoni aus Bajuwarien keineswegs auf ihre billigen Plätze, als der Konflikt Moskaus mit Kiew und dessen westlichen „Verbündeten“ in die heiße Kriegsphase eintrat. Er verbot ihnen nicht das Maul, weil offensichtlich die Tatsache, dass 27 Millionen Sowjetbürger wegen eines verbrecherischen Angriffskrieges des Deutschen Reiches ihr einziges Leben verloren, das Land verwüstet und unendliches Leid über die Völker der Sowjetunion gebracht wurde.

Dass ihm als Vizekanzler Deutschlands womöglich nicht klar war, dass die Bundesrepublik Deutschland Rechtsnachfolgerin des Deutschen Reiches ist und bleibt – mit allen sich daraus ergebenden Verpflichtungen – quittiert man nach den intellektuellen Totalausfällen seiner Regierungsmannschaft im Allgemeinen und den Seinigen im Besonderen schon beinahe mit einem Achselzucken. Es wird vielleicht kein Bestandteil des Lehrplans der Heinrich-Heine-Schule in Heikendorf gewesen sein.

Sollte dem so gewesen sein und diese eklatante Bildungslücke war tatsächlich einem hochdefizitären Lehrplan geschuldet, und das Bobbele hat seinen Nachtschlaf nicht im Geschichtsunterricht nachgeholt, dann erheben wir die Forderung, dieser Schule den Namen zu entziehen.

Dr. jur. Heinrich Heine gehört zu unseren Schutzheiligen des Preußischen Landboten und war ein hoch und umfassend gebildeter Mann, dessen Namen nur eine Lehreinrichtung tragen darf, die es sich zum Ziel gesetzt hat, dass ihre Alumni dem Namensgeber der Schule in punkto Bildung, Menschlichkeit und persönlicher Integrität Ehre eintragen.

Das Fazit lautet also: Wie geht wer mit den Schatten seiner eigenen persönlichen Sippe um, in die hineingeboren zu werden weder Schuld noch Verdienst sein kann.

Gerade für Persönlichkeiten des exponierten öffentlichen Lebens stellt sich diese Frage in besonderem Maße und dann wird sie auch relevant.
Wenn sich Habeck also nach eigenem Bekunden mit seinem Urgroßvater SS-Brigadeführer Walter Granzow und seinem Großvaters SA-Obersturmführer Kurt Granzow beschäftigt hat, und er wörtlich im Nachrichtensender NTV am 19.06.2024 behauptet: „Diese persönliche Auseinandersetzung hat mein politisches Denken, Handeln und Reden mitgeprägt und nimmt mich bis heute in die politische Pflicht“, dann verlangt es nach einer Antwort, ob er sich lediglich mit den innenpolitischen Ansichten dieser beiden Haderlumpen befasst hat, oder ob deren Einstellung zu einem der größten Menschheitsverbrechen der Nazis, dem Überfall auf die Sowjetunion auch Gegenstand der Reflexionen des Robert Habeck gewesen ist.

Sollte das der Fall gewesen sein, dann wird es komplett unverständlich, warum sich ein Robert Habeck der stumpfen und revanchistischen Feindseligkeit gegen die Russen nicht allein schon aus familienhistorischer Verantwortung entgegengestellt hat.

Er hätte sagen sollen, sagen müssen: „Ich, der Vizekanzler der Bundesrepublik Deutschland verweise auf die historische Schuld der Deutschen an den Russen und bestehe darauf, dass wir uns zumindest im öffentlichen Raum – so wie bei den Israelis – aller Kritik enthalten und eine neutrale Position wahren. Mögen diejenigen gegen Moskau den ersten Stein werfen, die sich gegen Moskau noch nicht vergangen haben.“

Seine Wahlheimat Dänemark wäre da so ein Kandidat, der sich nach Belieben äußern darf. Die Dänen haben die Russen noch nicht überfallen, ermordet, Kriegsgefangene zu Tode schuften und hungern lassen. Im Gegenteil – um die deutschen Besatzer von Bornholm zu vertreiben, mussten die armen Dänen das Bombardement Nexös und Rönnes durch die sowjetische Luftwaffe ertragen und hernach noch eine russische Besetzung der Insel.

Das ist ein Stichwort, welches unsere westfränkischen Vettern ebenfalls zu äußerster Zurückhaltung ermahnen sollte – denn nicht Paris, sondern Moskau hat im Zuge von Napoleons Russland-Feldzug gebrannt. Aber ein Macron ist eben kein de Gaulle, kein Pompidou, kein Giscard d’Estaing, kein Mitterand … er ist eben nur ein kleiner Macron, eine Verhinderungs-Fehlbesetzung im Elysée.

Wer also Clio ignoriert und nicht einmal in der Lage ist, aus der Geschichte der eigenen Sippe die entsprechenden Konsequenzen zu ziehen, der weiß auch nicht, wohin der Dampfer in die Zukunft steuert. Wenn dann die enorme Hitze eines Atompilzes den Betreffenden zu seinem eigenen Schatten an einer Hauswand verglüht, dann ist es mutmaßlich sogar noch dafür zu spät, „Scheiße!“ zu sagen.
Hiroshima und Nagasaki waren eine unmissverständliche Warnung.

Kuba war der Eisberg, an dem im Oktober 1962 beinahe der Planet als Ganzes gescheitert wäre. Der nächste war der heiße Herbst 1983. Reicht eben noch nicht für bildungsferne Staatenlenker. Sie müssen erst selber in den Bunker, damit ihnen ein Seifensieder aufgeht. Wenn sie es noch bis in den Bunker schaffen …

Der intelligente Mensch ist vor dem Schaden klug. Der Dumme bekommt eher selten die Chance das Oberstübchen mental zu möblieren. Dummheit ist ein Strick, an dem letztendlich nicht immer nur die anderen baumeln. Sie schnürt auch gerne mal dem eigenen Frauchen oder Herrchen die Kehle ab.

Zu dieser Binsenweisheit aber bedarf es mehr Grips und weniger Borniertheit.


32. Volumen
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23.03.2026