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Mausefalle
Michael. L. Hübner. Brandenburg an der Havel. Ein
junges Mädchen trägt eine Aufschrift auf ihrem Nicki, die ihre Ablehnung
von Atomwaffen ausdrückt. Um ihr Unverständnis zu verdeutlichen, bedient
sie sich eines Analogons, welches die Logik hinter der Entwicklung von
Atomwaffen verdeutlichen soll.
So steht da zu lesen, dass keine Maus je auf die Idee käme, an einer Mausefalle
zu arbeiten oder diese gar zu perfektionieren.
Das ist zwar richtig, geht aber an der Sache vorbei.
Jede Waffe ist im Kontext der Verfügbarkeit von Ressourcen zu sehen. Die
beiden primären und damit entscheidenden Ressourcen jeglichen Lebens,
um welche naturgemäß stets und ständig gekämpft wird, sind metabolisierbare
Energieträger und der Zugang zur Möglichkeit der Fortpflanzung.
Sekundär werden sie vom Zugang und zur Verfügbarkeiten von Rohstoffen
und Produktionsmitteln begleitet, sowie der Macht, diese distributieren
oder zuweisen zu können.
Die Nutzung dieser Ressourcen wird von dem Ausmaß an Macht bestimmt, welches
gemäß herrschenden gesellschaftlichen Konventionen einem einzelnen Individuum
oder einer Gruppe von Individuen zugestanden wird.
Natürlich und ganz selbstverständlich lassen sich auch unter Mäusepopulationen
solche Machtverteilungskämpfe beobachten. Nur ihr Intellekt beschränkt
sie bis dato auf die Nutzung des Arsenals, dass die Natur ihren Mäusekörpern
mitgab: Pfötchen und Zähnchen.
Doch schon bei unseren nächsten Artgenossen, den Menschenaffen, erleben
wir den Einsatz „extrakorporaler“ Waffen, wie Stöcke und Steine, wovon
im Übrigen auch bereits die intelligenteren Nachfahren der Saurier, die
Vögel, regen Gebrauch machen.
Mit zunehmendem Populationsdruck und einer damit einhergehender Ressourcenverknappung
würde die Evolution sicher auch bei diesen Spezies zu einer Sublimierung
,Verfeinerung und Effektivierung des Waffenspektrums sorgen.
Der diskrete Verweis des tapferen Mädels auf die unselige Mikrobe der
Menschlichen Dummheit als causa causarum ist gut gemeint, verkennt aber
dabei, dass die Mikrobe der Menschlichen Dummheit eine hundertprozentige
Tochter der Evolution im Zusammenspiel mit der Verfügbarkeit von Ressourcen
ist, zu der sich noch ein weiterer Umstand gesellt, dessen Bedeutung nicht
außer Acht gelassen werden darf: Die Bevorratung!
Selbst die frühen Menschen lebten noch wie ihre tierischen Vorfahren von
der Hand in den Mund, weil ihnen das Konzept „Zeit“ mit seinen drei Komponenten
„Vergangenheit“, „Gegenwart“ und „Zukunft“ nicht zur Verfügung stand.
Wer kein Begriff vom „Morgen“ hat, dem ist nicht klar, dass eine erfolgreiche
Ressourcenerschließung, die einem noch heute über den Tag geholfen hat,
morgen möglicherweise von missgünstigen Umständen begleitet werden kann,
was in der Folge bedeutet, dass man morgen der Gefahr des Verhungerns
ausgeliefert ist.
Erst die Idee der Vorratswirtschaft hilft, dieses Risiko zu verringern.
Doch Vorratswirtschaft akkumuliert Ressourcen und akkumulierte Ressourcen
wecken Begehrlichkeiten, welche jedem Lebewesen bereits in die neuronalen
Programme seiner Chorda geschrieben sind.
Denn was bedeutet es anderes, wenn ein Tier eine Pflanze, einen Pilz oder
ein anderes Tier frisst, als dass es sich dessen bis zu diesem Zeitpunkt
akkumulierten Ressourcen im wahrsten Sinne des Wortes einverleibt, was
wiederum zu finalen Lasten der unterlegenen Beute geht?
Insofern markiert die Atombombe nur den vorläufigen Endpunkt einen in
seiner Dynamik absolut logischen und schlüssigen Prozesses, der wiederum
nur vom Konzept der „Zukunft“, versehen mit einem moralischen Unterbau
und des Bewusstseins der Selbstgefährdung in Frage gestellt wird.
Im Übrigen scheint Gott beim gelegentlichen Drücken des evolutionären
Reset-Knopfes darum bemüht zu sein, Wiederholungen zu vermeiden. Mal schickt
er einen Gamma-Outburst einer nahebei vorüberziehenden Supernova, mal
eine Totalvereisung der Erde, mal einen Supervulkanismus wie bei den Sibirischen
Trapps, mal einen Meteoriten, und nun eben die desaströse Erfindungkraft
des Nackten Affen, womit dieser folgerichtig für sein eigenes Verschwinden
sorgt, nachdem er unter seinen Mitkreaturen für entsprechenden Kahlschlag
gesorgt hat.
Irgendwelche Kreaturen aber werden auch das überstehen und sich dann nach
altbekannten Mustern wieder diversifizieren und dann einen erneuten evolutionären
Wettlauf initiieren, der dann – Gott allein weiß wie – wieder ausgebremst
wird.
Ja, vielleicht sind es dann die Nachfahren der Mäuschen, die sich dann
etwas einfallen lassen, um ihren Gegnern innerhalb ihrer Spezies und dem
Rest der Biosphäre gleich mit den Hahn abzudrehen.
Junge Dame, sei getröstet: Am Ende ist es ein gigantischer Fusionsreaktor,
der dem ganzen Spuk zur Gänze den Garaus macht. In spätestens einer Milliarden
Jahre ist die Erde wieder so steril, wie sie es letztmalig in den Zeiten
des Hadaikums war. Die liebe Sonne sorgt dafür und die Gesetze der Physik.
Dann sind fünf Milliarden Jahre irdisch-evolutionäre Spielerei auf Kohlenstoffbasis
ein für alle Mal Geschichte. Warum auch nicht? Denn seit Goethe wissen
wir: Alles, was entsteht, ist wert, dass es zugrunde geht.
Amen. |