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Mario Adorf Kotofeij K. Bajun. Havelsee. An ihm kommt man nicht vorbei. ER war einer derjenigen, deren Todesmeldung einen Stich ins Herz versetzt. Er war einer der letzten Granden der deutschsprachigen Schauspielkunst und wenn wir viele, viele Vertreter dieser Zunft als Tagediebe ansehen, als nutzlosen Bodensatz der menschlichen Gesellschaft, welcher nichts zum Fortschritt der Zivilisation beiträgt, sondern eher zu dessen Verblödung, so gibt es doch auch in diesem Gewerbe eine Art stratigraphischer Schichtung, deren anderes Extrem, deren Olymp von Leuten wie Mario Adorf besetzt wird. Als der Träger des Iffland-Ringes, Bruno Ganz zu seinen Vätern versammelt wurde, da begannen sich bereits die Tore der Dämmerung für die große deutsche Schauspielkunst der Vergangenheit zu schließen. Mario Adorf wäre würdig gewesen, diesen Ring von Ganz zu erben. In seinem überwältigenden Œuvre wollen wir uns nur auf zwei seiner Werke beschränken, die sicherlich auch zu seinen Bekanntesten zählen. Einer der ersten Filme, mit dem er tragischerweise auch seinen späteren Ruhm begründete und der ihn weithin bekannt machte, war „Nachts, wenn der Teufel kam“ aus dem Jahre 1957. Er hat ihn später sehr bereut. Adorf war damals 27 Jahre alt, der Spuk des Naziregimes gerade mal 12 Jahre vorüber und das Reich – oder das, was von ihm übrig geblieben war – stand noch sehr unter dem Eindruck dieses Spuks. Es muss wohltuend für die damalige, den Horror des Kriegs überlebt habende deutsche Bevölkerung gewesen sein vorgeführt zu bekommen, dass der eigentlich Böse ja nicht einmal der Nazi war, sondern Bruno Lüdke, ein armer Trottel aus Berlin, dem der karrieregeile Nazi-Kommissar Heinrich Franz 53 Morde im Reich anlastete, die Lüdke nie begangen haben konnte. Selbst der Gestapo fiel das auf und SS-Obersturmbannführer (Oberstleutnant) Hans Lobbes intervenierte auf Betreiben vieler deutscher Kriminaldienststellen im Reiche, denen damals bereits die Unsinnigkeit der ergaunerten Geständnisse durch den debilen Lüdke klar war. Tatsächlich hatte „das Monster von Köpenick“ nicht einen einzigen Mord begangen. De facto also gab Adorf dem armen Teufel posthum den Rest und hängte der nationalsozialistischen KriPo noch einen Orden um. Er hat das später zutiefst bereut und alles getan, um diesen fatalen Fehlgriff zu korrigieren. Einen Stolperstein für Lüdke hat er im Beisein von Bundespräsident Steinmeier verlegt – aber im Gedächtnis der Leute bleiben keine Stolpersteine haften, sondern Filmerlebnisse. Adorf war viel zu klug, um das nicht zu wissen, um das ignorieren zu können. Er litt sehr darunter aber es ist nun einmal, wie die Indianer seit altersher predigen: Das gesprochene Wort ist wie der abgeschossene Pfeil – niemand holt beide zurück. Sie treffen, sie vernichten … Nein, die Nazis blieben die Schurken, Lüdke taugte nicht einmal ansatzweise als Persilschein für die schuldigen Mitläufer und Adorf musste zeitlebens mit diesem tragischen Irrtum ringen, der auf seinem immensen und segensreichen Schaffen wie ein schwarzer Schatten lag. 1976 dann erlebte die Welt Adorfs Glanzrolle in Volker Schlöndorffs genialer filmischer Übersetzung von Grassens epochaler „Blechtrommel“ als Alfred Matzerath, den Langfuhrer Kolonialwarenhändler. Obschon das Opus mit ganz großer Besetzung opulent ausgestattet wurde, kann mal wohl Adorf neben dem umwerfenden und gleichsam betörenden David Bennent eine der beiden zentralen, ja der tragenden Rollen der Erzählung zuweisen. Das aber mach mal! Aus großen Namen wie Katharina Thalbach, Daniel Olbrychski, Berta Drews, Heinz Bennent, Charles Aznavour, Otto Sander, Fritz Hakl und Angela Winkler auch noch hervorzustechen – und zwar haushoch – das qualifiziert einen Schauspieler bereits für den Olymp der Mimenkunst. … und, dass er nie einen Oscar erhalten hat. Das ist wohl der aussagekräftigste Ausweis seines Könnens. Hätte man ihm diesen wertlosen Plunder umgehangen, hätte ihm das sicher mehr Abbruch getan, als eine Goldene Himbeere … – von der er übrigens absolut zu Recht auch nie bedroht wurde. Mario Adorf lebt nicht mehr. Der kluge, weitsichtige, großartige Charakter im Spiel wie im Leben teilt diese Welt nicht mehr mit uns. Der Verlust wiegt schwer. Er fehlt. Man kann ihn nicht ersetzen. Was aber bleibt, ist die Erinnerung an sein Wirken, an seine Worte, an seine Einsichten, die dem Verständigen noch lange, lange den eigenen Weg ausleuchten können. Das bedeutet, Adorf verstand es, aus Schatten Licht zu machen. Das ist sein großes Verdienst, das ist das, was bleibt. Danke, Mario Adorf! |
| B 14. Volumen |
© B.St.Ff.Esq., Pr.B.&Co,2012 15.02.2025 |