|
|
Die siebente Saite oder Tous les Matins du monde
Kotofeij K. Bajun. Havelsee. Das Barock … das ist eine Epoche, die sich unter den wuchtigen, den vernichtenden Hammerschlägen des großen paneuropäischen Dreißigjährigen Krieges krümmte und unter ihren Schmerzen die Lebenslust, die Entdeckerfreude, die aus Italien stammende Renaissance auf dem Altar einer kontinentalen Schwermut opferte. Die Antike spielte noch immer eine gewichtige Rolle im geistigen Leben der gebildeten Stände, doch vorherrschend begann sich vieler Kunstwerken eine erdrückende Melancholie zu bemächtigen – vor allem die Gemälde jener Zeit zeigen allzuoft Schäferidyllen vor zerfallenen Stätten einstiger römischer oder griechischer Hochkultur. Ärmliche Hütten nutzten wenigstens noch eine Wand der Ruine des einstigen Jupiter-Tempels, Vegetation überwucherte geborstene Säulen. Versonnen steht die Schäferin vor dem Anblicken einstigen Pracht, ihre Schafe und Ziegen weiden dort, wo einst Senatoren in ihren weißen Togen das Forum kreuzten um mit den allmächtigen Cäsaren Weltpolitik zu verhandeln. Die Musik griff diese Stimmung auf, die Gambe setzte sie um wie kein anderes Instrument. Große Gambenspieler fanden sich in Monsieur de Sainte-Columbe dem Älteren, von dessen Leben kaum etwas bekannt ist und in Marin Marais, dessen bezaubernde „Les Folies d’Espangne“ ein Evergreen mit hohem Wiedererkennungswert über vier Jahrhunderten hinweg sind. Marais hat unter uns Nachgeborenen vielleicht nicht mehr denselben Klang wie die Scarlatti-Brüder Allesandro und Domenico, Francois Couperin oder Jean-Philippe Rameau. Auch Lully, der so tragisch an seiner Wut und seinem Taktstock zugrunde ging und welcher der Nachwelt mit seinem fulminanten, den ganzen Pomp von Versailles in seine Partitur fassenden „Marche pour la cérémonie des turcs“ in Erinnerung bleibt, wird wohl noch breiteren Kreisen bekannt sein, als das bei Marais der Fall ist. In Europa trug sicherlich Gerard Corbiaus opulentes Meisterwerk „Der König tanzt“ aus dem Jahre 2000 zu der Wiederentdeckung Lullys bei, welcher das Leben des tragischen Vorgängers Rameaus am Hofe skizziert. … eines Mannes, der sich trotz italienischer Abkunft gleich Kardinal Mazarin am französischen Hofe dank seiner Kunst in schwindelerregende Höhen hinaufgearbeitet hatte. Lully war es übrigens, der, auf das große Talent von Marais aufmerksam geworden, diesen an den Hof des Sonnenkönigs holte, wo Marais es zu einer für einen Schuhmachersohn bedeutenden prestige- und einkunftsträchtigen Stellung brachte. Ausgebildet aber wurde er von Sainte-Columbe, von dem nur noch wenige, dafür jedoch atemberaubende und virtuose Stücke für die Gambe erhalten sind. Wenn wir nun dieses Wort „virtuos“ gebrauchen, dann mit aller Vorsicht. Uns ist bewusst, wie schnell dieses mit einem rasenden Gefidel des Geigendämons Paganini assoziiert, ja gleichsam verwechselt wird. Nein, es gibt auch eine Virtuosität des Ausdrucks, der Stimmung, … und ja … auch eine Virtuosität der Melancholie. Die Gambe ist so sehr geeignet, diese gedrückte, von Traurigkeit erfüllte Atmosphäre zu transportieren, wie es Albinonis lieblichste Oboe ist, welche jemals unter Gottes lichtblauem Himmel quakte, um der Seele ein Lächeln entrückter Heiterkeit zu entlocken. Im Jahre 1991 hatte Alain Corneau den wunderbaren Einfall, dieser musikalischen Epoche ein weiteres filmisches Denkmal zu setzen und er tat es mit einem leisen, aber zu Herzen gehenden Streifen. Das war die Zeit, als sich die Franzosen ihrer großen Vergangenheit zu besinnen schienen, außerhalb der Mantel- und Degen-Sujets eines Alexandre Dumas. Es war die Ära Jacques Chiracs. Man nennt solche Kunstwerke mit ihrer unaufgeregten Erzählweise wohl auch Arthouse-Filme und eine Firma ARTHAUS verlegte denn auch die DVD, welche nur noch unter großen Schwierigkeiten zu erhalten ist. Immerhin ist der Film nunmehr 35 Jahre alt. Der Gigant des französischen Kinos, Gerard Depardieu war noch zarte 43 Jahre alt und spielte den in die Jahre gekommenen Marais. Sein Meister Sainte-Colombe wurde von einem in jeder Hinsicht überzeugenden Jean-Pierre Marielle dargestellt, der das Drama seines Lebens … - nein, des Lebens überhaupt in Mimik, Gestik und Körperhaltung zu übersetzen wusste, wie wir das selten zuvor von Vertretern seiner Kunst geboten bekamen. Lässt sich eine solche Leistung vergleichen, so fällt uns als erstes Diana Damraus legendäre Interpretation der Arie der Königin der Nacht ein. Es ist ja nicht so, dass andere große Sängerinnen von Format das nicht auf ihre Weise auch beeindruckend zu Gehör zu bringen vermochten oder vermögen – aber dieses kristallklare f´´´ so brillant und exakt zu treffen – na ja, just so vermittelte Marielle die tiefe Tragik der sicher größtenteils fiktiven Biographie Sainte-Colombes, den unendlichen Verlust, den er mit dem unzeitigen Tod der geliebten Ehefrau erfuhr. Auf den Punkt eben. Noch beeindruckender ist diese elegische Kopplung eigenen Seelenleides mit den Tönen der Musik. Die Anwürfe Sainte-Colombes gegen seinen Schüler Marais, dieser sei eine Art dressiertes Äffchen, was sein Instrument mit hoher Kunstfertigkeit zu spielen weiß, dennoch sei er weit vom Wesen eines echten Musikers entfernt, weil ihm eben das wahre Wesen der Musik eben nicht zugänglich sei, mögen an anderer Stelle abgedroschen und banal klingen. Zu oft wurde dieser Kontrast zwischen der Musik als einer bloßen Abfolge von Tönen verschiedener Frequenz einerseits und andererseits einer Himmelsgabe bemüht, die an der Stelle Möglichkeiten des Ausdrucks bietet, wo alles Gesprochene versagt. Haben wir nicht ähnliches vom Meister Georg Friedrich Händel vernommen, der dem großen Farinelli auf ebendiese Weise mit ebendiesen Worten die Türe vor der Nase zuschlug, bis er – ähnlich Sainte-Colombe – später das im Anderen entdeckte, was wir armen Sterblichen die reine, die wahre Musik nennen? An dieser Stelle aber verdrängen Authentizität und Glaubhaftigkeit alles Banale. Der ganz große Wurf aber gelingt Marielle, indem er seinen Sainte-Colombe zwar in seiner leidenden Persönlichkeit erfasst, dessen verschlossene Sperrigkeit aber nicht der Verdammnis eines an seinem Leide irre werdenden Charakters überlässt. Dieser Musiker von europäischem Format war nicht verschroben, sondern wartete mit einer zu Herzen gehenden, von tiefem philosophischen Verständnis getragenen Geisteshaltung auf, die es ihm gelang über den kunstfertigen Gebrauch der Saiten seiner Gambe zu vermitteln. Zumeist sich selbst. Denn wie Diogenes zog er sich aus der Öffentlichkeit zurück und es scheint, als wäre seine Gambe eine Art Wörterbuch für seine Gespräche mit seinem jansenistischen Gotte. Wir wollen nicht soweit gehen zu behaupten, Marielle hätte den großen Depardieu an die Wand gespielt, dessen Sohn Guillaume übrigens etwas unbeholfen den jungen Marais gibt. Nein, er stellte Depardieu nicht in den Schatten, sollten auch einige Szenen dafür argumentieren – aber Augenhöhe, das ist eine Auszeichnung, die man ruhigen Gewissens und bar jeder Übertreibung verleihen kann. Monsieur Corneau hatte ein exzellentes Händchen bei der Besetzung seines Dramas, in der Tat. La grande Madame Anne Brochet, die ein Jahr zuvor unter Jean-Paul Rappenau mit dessen epochaler Rostrand-Verfilmung des „Cyrano de Bergerac“ den Sternenhimmel des europäischen Kinos als grandiose Roxane stürmte, vervollständigte das schauspielerische Dreieck als ältere Tochter Sainte-Colombes. Diese Madeleine hätte von niemand anderem gespielt werden dürfen – nicht einmal von unseren vergötterten Damen Adjani, Delpy oder sogar Frau Marceau, die ja eigentlich alles spielen kann, was ihr vor die Flinte kommt. Wie gesagt, Monsieur Corneau bewies einen geradezu untrüglichen Instinkt. Wenn es dessen noch eines letzten Beweises bedürfte, dann ist dieser in der Verpflichtung Jordi Savalls zu finden. Der weltberühmte Katalane und Witwer der 2011 leider verschiedenen Montserrat Figueras, mit welcher er 43 Jahre lang verheiratet gewesen ist, spielt die zu Herzen gehende Musik aus Originalpartituren der Zeit und eigenen, die Epoche meisterhaft zitierenden Stücken gemeinsam mit seinem Orchester ein. Wir armseligen Laien versteigen uns zu der Behauptung, dass Monsieur de Sainte-Colombe keine Tadel an Señor Savall gefunden hätte. Jener ist ganz gewiss der Gegenentwurf zu einem dressierten Äffchen. Wir kennen seine Stücke und wir setzen unsere Seele dafür zum Pfand. Wer könnte sich auch mit seiner Musik, seinen eigenen Kompositionen und seinen Interpretationen, die sich ja so intensiv mit dem südeuropäischen Barock befassen, in die schwer leidende Seele des zu Unrecht in Vergessenheit geratenen Gambisten Sainte-Colombe hineinfühlen, als jemand, der dazu verdammt war, dessen Schicksal zu teilen! Der Film wird leise erzählt. Es gibt nur wenig Affekt, so, wenn Sainte-Colombe von Höflingen des Sonnenkönigs dazu gedrängt wird, sein Schneckenhaus zu verlassen und in Versailles aufzuspielen. Derlei Eitelkeit bedeutet ihm nichts. Ruhm und Nachruhm bedeuten ihm nichts. Vanitas vanitatum. Musik dient für ihm nicht der Unterhaltung, für ihn ist sie reine Kontemplation, eine Brücke zu seiner Eurydike, mit der er sie dem Orpheus gleich dem Hades zu entreißen sucht. Damit offenbart uns Monsieur Corneau die Tragik unserer Zeit, die wahrscheinlich auch die Tragik aller anderen Epochen war: Die Kunst, menschliches Gefühl und Erleben, ja die menschliche Seele und den Rest von Gottes Schöpfung in Noten zu malen, die sich – quantitativ gemessen – eine aussichtslose Schlacht mit dem allgegenwärtigen, vulgären Tschingtscherassabumm für die Ohren des debilen Volkes liefert; mit den wummernden, nervtötenden, peitschenden Takten, möglichst noch zu geist- und seelenlosem Gequietsche von völlig hirnbefreiten Texten. Es ist der Kampf des menschlichen Geistes mit der menschlichen Dummheit, der vom Geist nie gewonnen werden kann. Einzelne Bastionen aber können immer wieder bestehen. Manche gehen unter, manche tauchen auf aus dem brüllenden Ozean der stultitia generale. Dieser Film „Die Siebente Saite“, dessen Titel darauf Bezug nimmt, dass Monsieur Sainte-Colombe die Invention einer siebenten Saite für die Gambe zugeschrieben wird, ist eine solche Bastion, eine solche Insel in dem weltumspannenden Abfallmeer aus Zelluloid. Der Originaltitel „Tous les Matins du monde“, spricht sehr für sich. Wir wollen das jetzt nicht näher erläutern.Spoilern ist unsere Sache nicht. Diese Entscheidung zur Zurückhaltung unterstreicht unsere ausdrückliche Empfehlung an die Zielgruppe des Meisterwerks von Herrn Corneau, diesen Film anzusehen, wo immer sich die Möglichkeit dazu bietet. Wer dann ein feines Gespür für die leisen Töne mitbringt, dem erschließt sich, was es mit „Allen Morgen der Welt“ auf sich hat. Der Preußische Landbote verneigt sich vor den Machern dieses wunderbaren Repräsentanten hochwertigen französischen Kinos und dankt mit zierlichem Kratzfuß, einem bis zu den Kanonenstiefeln hinab geschwenktem Schlapphut und einem von Herzen kommenden „Chapeau, Medames et Monsieurs!“ |
© B.St.Ff.Esq., Pr.B.&Co,2012
16.04.2025