Vom Zimmermann zum Sozialarbeiter
Klaus Hoffmann erinnert die Wendezeit

von Michael L. Hübner
“Die Pfarrer und ihre Familien ließ man in der Regel in
Ruhe. Ich hatte so etwas wie Narrenfreiheit”, erzählt Klaus
Hoffmann, der Grüne Abgeordnete in der SVV. Hoffmann ist der jüngste
der drei Söhne des ehemaligen Dompfarrers Hoffmann. In Brandenburg
wurde er 1967 geboren, hier, auf dem Dom, ist er aufgewachsen. Keine
Jungen Pioniere, keine FDJ, keine Jugendweihe. Über alles andere
wären die Genossen auch sehr erstaunt gewesen. Vielleicht waren
sie das auch, als Hoffmann freiwillig an einem FDJ-Studienjahr teilnahm,
um sich nicht ganz abseits zu stellen, denn Familientradition war: Wenn
dir etwas nicht passt, dann ändere es oder halt die Klappe. Hoffmann
hielt die Klappe nicht und stellte im FDJ-Studienjahr die These der
Weltverbesserer vom Urkommunismus in Frage. Eine klassenlose Gesellschaft
habe es nie gegeben, argumentierte er logisch und schlüssig. Da
aber war er bei den Marxisten an der richtigen Adresse! Wer einen Gründungsmythos
zerstört, der untergräbt Wurzeln, der stellt früher oder
später das ganze System in Frage. Nein, solche Kantonisten brauchte
man nicht im Chor der Kampfreserve der Partei und solche brauchten sich
trotz sehr guter Noten auch gar nicht erst um einen Abiturplatz bewerben.
Irgendetwas aber musste man ja nach der Schule machen. Nachdem der Wunsch
in die Werbung zu gehen scheiterte und der Beruf eines Rostschützers
drohte, riefen ein paar helle Köpfe im BMK-Ost: „Kommt ja
gar nicht in die Tüte, das ist nichts für einen Einser-Absolventen.
Da haben wir genug Kandidaten mit einem Dreier-Abschluss. Lerne mal
lieber Zimmermann.“ Hoffmann landete beim VEB Stadtbau und war's
zufrieden. Bis heute profitiert er von dieser weisen Entscheidung und
bis zur Wende arbeitete er beim Stadtbau im geliebten Beruf. Dessen
Parteisekretär war kein Fanatiker, mit dem konnte man reden. Auf
dem Bau ließ es sich sowieso angesichts der latenten Materialengpässe
leichter über den Staat schimpfen. Und so ein bisschen half der
sich seit jeher für das in der DDR nur schwer erhältliche,
etwas ketzerisch angehauchte Schriftgut interessierende Hoffmann zu
sticheln und zu zwacken, wie es die Berliner Umweltbibliothek vormachte.
„Ich war nicht in der ersten Reihe, Gott bewahre“, wehrt
er ab. „Klar kannte man sie alle. Erhard Gottschalk, Kuno Pagel,
Radekes... Aber ein Vorzeige-Revolutionär? Erste Reihe gar? Ich?
Aber nein. Außerdem ging es uns ja auch verhältnismäßig
gut.“ Gelitten hat seine alte Tornado-Schreibmaschine und der
Schlaf seiner Frau, wenn er mit fünffachen Durchschlag den Aufruf
des Neuen Forum in die Seiten hämmerte. Wenig Verständnis
brachte Hoffmann für die auf, die in Scharen nach dem Westen flohen.
„Die machten es sich einfach. Hier musste etwas geschehen! Wer
sollte das denn tun, wenn alle nur Fersengeld gaben?“ Nein, Flucht
war für ihn, dem in der Wendezeit auch die erste Tochter geboren
wurde, keine Option. Vom Mauerfall hörte Hoffmann erst in den Morgenstunden
des 10.11.89. Aber es war ein Dachstuhl fertigzustellen, also ging er
zur Arbeit. Danach erst kam das Anstehen für einen Stempel im Ausweis
zum legalen Grenzübertritt. Mit dem Stempel im Gepäck fuhr
die Familie nach Berlin, wo die Eltern seit einiger Zeit eine Wohnung
hatten. Himmel und Menschen waren unterwegs. Familie Hoffmann mied den
Trubel und betrat erst am frühen Morgen des 11.11. Westberlin.
„Es war irgendwie unheimlich. Da war plötzlich niemand mehr,
der einen von den Grenzanlagen wegblaffte und drüben gab es ganz
normale Straßen, Häuser und Plätze, wo uns unser Kartenmaterial
doch Jahrzehnte lang weiß machen wollte, das sei eine Art terra
incognita, ein fremder Planet.“ Doch gerade die Existenz dieses
aller Ostpropaganda zum Trotz quicklebendigen Westberlins hält
Hoffmann für einen ausschlaggebenden Katalysator des schnellen
Zusammenbruchs der DDR. Mit der Öffnung des Brandenburger Tors
pfiff die verbliebene Lebensluft aus dem kleinen, eh schon schlaffen
roten DDR-Ballon, so rasch, dass all die Reformhoffnungen für eine
bessere DDR gleich mit in alle Winde zerstoben. Hoffmann selbst, der
die Heimat arbeitshalber nur für ein Vierteljahr in Richtung Bayern
verlassen hatte, musste nach der Rückkehr erst einmal Sozialhilfe
beantragen. Diesmal aber rang er sich durch, holte das Abitur nach,
anschließend zwei Wartesemester, in denen Wolfgang Rudolph ihn
sogar für kurze Zeit an die Puppenbühne holte, und studierte
vier Jahre lang Sozialpädagogik. Für die Grünen zog er,
der heute als Sozialarbeiter in der JVA Brandenburg tätig ist,
2004 als Nachrücker ins Stadtparlament. Fünf Ausschüsse
bedienen sich seiner Mitarbeit und seines Engagements. Das wäre
vor 1989 ganz sicher nicht denkbar gewesen.