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Der letzte Große übernimmt die Brücke

Wolfgang Kubicki soll die absaufende FDP retten

Michael L. Hübner. Brandenburg an der Havel.
Genosse Marschall Konstantin Rokossowski, Marschall Michail Illarionowitsch Kutusow-Smolenski – Wolfgang Kubicki, große Kommandeure … kaltgestellt, aber wenn die Hütte brennt, dann plärrt das absaufende Volk nach den misshandelten Rettern. Die haben dann den Schneid und die Ehre, der Sache zuliebe zurückzukommen und das Ruder herumzureißen.

Sie zählten mal zu denen, mit den man rechnen musste. Die FDP brach der SPD unter Helmut Schmidt am 1. Oktober 1982 das Genick, als sie die Koalition mit der Arbeiterverrätertante aufkündigte und zu den Schwatten überlief. So konnte der Gottvater der deutschen Außenpolitik, Hans-Dietrich Genscher, Außenminister bleiben und dann den Botschaftsflüchtlingen von Prag 1989 seinen berühmten Halbsatz vom Balkon des Palais Lobkowitz auf der Kleinseite entgegenrufen.

Seit aber Möllemann 2003 seinen Fallschirmsprung absolvierte, ohne den Fallschirm zu öffnen, scheint es ihm seine Partei unentwegt nachtun zu wollen.

Da gab es zwar noch mal den wackeren Guido Westerwelle, dem man als Politikerpersönlichkeit Respekt schuldig war. Aber danach war Schluss. Dann war die Puste raus aus dem gelben Luftballon.

Ihren Doyen aber, den Wolfgang Kubicki, ließ die Partei der Mittelständler nie so richtig in die erste Reihe vor. Hatten die Angst vor dem messerscharfen Verstand des Alten, vor seinem Schneid und seinem stets lauernden Impetus, hohles und dummes Geschwätz von Freund und Feind gleichermaßen ad hoc und ohne Federlesens, wenn’s nottat coram publicum, in der Luft zu zerreißen?

Viel Versöhnliches hat der Kieler Fürsprech nicht an sich, wenn es darum geht einen Tjost mit der Dummheit, ganz gleich in welchem und in wessen Gewande sie sich zeigen mag, auszufechten. Konzilianz? Kompromissbereitschaft? Nee, die sucht man beim Kubicki Wolfgang in solchen Fällen vergebens.

Mit einem klugen Gegner aber redet er – auf Augenhöhe und jeder kluge Gegner ist gut beraten, ihm auf das Genaueste zuzuhören.

Er ist auch ein tapferer Recke, der Wolfgang Kubicki – denn die FDP in diesen Zeiten zu übernehmen ist ein Himmelfahrtskommando.

Wahrscheinlich tut er es nur, weil er selbst nichts mehr riskiert und auch nichts mehr zu verlieren hat. Sein Alter verschafft ihm dieses Privileg.

Die FDP aber weiß dieses Geschenk von Gottes Gnaden nicht zu schätzen. Man ist versucht anzunehmen, dass sich unter der Gelben Fahne noch die letzten Aufrechten versammeln – sozusagen das Camerone der deutschen, demokratisch orientierten Parteienlandschaft.

Doch Heldentum allein ist kein Garant für intellektuelle Leistungsfähigkeit. Wir sahen es beim Nominierungsparteitag, als sich der große Alte nur mit 60:40 gegen seine Herausforderin, die unsägliche Waffenlobyistin und Kriegstreiberin Marie-Agnes Strack-Zimmermann durchsetzen konnte.

Was ist in die Delegierten gefahren, dieser bösartigen Frau 40 Prozent ihrer Stimmen zu geben? Sind die wirklich von allen guten Geistern verlassen? Haben 40 Prozent der FDPler ihren Verstand versoffen, dass sie einer Reiterin der Apokalypse das Mandat überantworten wollen, mit welchem diese nichts anderes plant, als den Krieg zurück nach Deutschland zu holen, nur um ihre Strippenzieher in der Rüstungsindustrie reich und reicher zu machen?

Noch mal, lieber Leser, das Zitat des unsterblichen Brecht:
„Das große Karthago führte drei Kriege. Es war noch mächtig nach dem ersten. Es war noch bewohnbar nach dem zweiten. Es war nicht mehr auffindbar nach dem dritten!“

Wir gehen nicht davon aus, dass Marie-Agnes den Namen Bertolt Brecht schon einmal gehört hat, geschweige denn, dass sie auch nur ansatzweise begreift, was mit diesem Zitat gemeint und wie brandaktuell diese Warnung gegenwärtig ist.

Doch teilen 40 % der gelben Delegierten dieselbe Diagnose?

Kubicki ist einer, der Brandt und Bahr noch kennengelernt hat. Ihm ist zuzutrauen, dass er deren Weg der Verständigung fortsetzen würde. Ihm ist zuzutrauen, dass er die Interessen des deutschen Volkes auf pragmatische Art wieder in den Mittelpunkt politischen Handelns rücken würde. Ihm ist zuzutrauen, dass er an die politischen Ränder verlorenes Terrain auf diese Weise zumindest partiell wieder zurückerobern und die Radikalinskis auf allen Seiten schwächen würde.

Sicher – auch er hatte so seine Aussetzer, wie wir aus der Zeit-online vom 5. März 2024 erfahren haben, als er sich für Taurus-Lieferungen an die Ukraine aussprach. Kann man auch in einem gelben Segelboot durchs Delirium fahren? Da war doch immer – und Berlin bestätigt diesen Fakt nachhaltig – von „rosarot“ die Rede … Hmmm … Doch er scheint sich wieder ein wenig erholt zu haben.

Vielleicht hat ihn das Zauberwort „Oreschnik“ wieder aufwachen lassen. Oreschnik ist der russische Haselbusch – und drei „Nüsse“ von diesem in Deutschland geöffnet ergäbe mit tödlicher Sicherheit ein gänzlich anderes Ergebnis, als wir es von der böhmischen Aschenputtel-Variante mit der zauberhaften Libuse Szafrankova gewohnt waren.

Die FDP verspielte eine historische Chance – als sie es sträflich versäumte, den Alten mit 99 % Zustimmung ins Amt und auf den gelben Schild zu heben.

Das wäre möglicherweise ihre triumphale Rückkehr auf die bundespolitische Bühne gewesen.

Doch dieses desaströse Signal der Zerrissenheit vernichtet die letzte diesbezügliche Option der Mittelstandspartei mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit. Daran kann auch ein Trumpf-As wie Wolfgang Kubicki nix mehr löten.

Das ist erstens keine Geschlossenheit und zweitens – MASZ ernsthaft in Erwägung zu ziehen ist eine klare Absage an Vernunft und Zukunftswilligkeit – denn Krieg schafft keine Zukunft, sondern nur Tod und Zerstörung.

Solchen Leuten darf man keine Regierungsverantwortung mehr anvertrauen, es sei denn, man zählt zu denen Selbstmördern, die zu feige sind vom Hochhaus zu springen und will diese Drecksarbeit hirnverbrannten Kamikaze-Politikern überlassen.

Der alte Grande nimmt also durch die eigenen Leute schon im Vorfeld geschwächt im Chefsessel Platz. Das ist fatal. Fatal vor allem für Deutschland, das in den Zeiten der geistigen Ausdünnung einer gesunden politischen Mitte genau dort ein vernunftbegabtes Zünglein an der Waage existentiell nötig gehabt hätte.

33. Volumen

©B.St.Ff.Esq., Pr.B.&Co,2003

01.05.2026