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Die Chur- und Hauptstadt Brandenburg hat ja nicht allzu viel von Bomber-Harris über den Pelz bekommen, wenn man sie mit Wismar, Rostock, Lübeck, Hamburg, Würzburg, Schweinfurt, Berlin, Dresden, Köln, Hannover, unser armes Magdeburg, Zerbst und anderen deutschen Städten vergleicht. Das ging alles noch relativ blande ab. Mitunter kassierte sie noch ein paar Luftschläge, wenn die Bomber abdrehen mussten, weil ihnen die Acht-Acht-Batterien vor Berlin die Hölle heiß machten. Mit Bombenlast durften die Bomber nicht landen – zu gefährlich. Also warfen sie ihre tödliche Fracht über Sekundärzielen auf dem Rückweg ab. Ausgerechnet Pauls und Marthas Haus bekam einen Volltreffer. Sie mussten es mühsam wieder errichten, Stein auf Stein, drei Etagen unten, im Erdgeschoss der Laden für Angelgeräte, Schreib- und Spielwaren. Mit der Leihbibliothek hatte es sich erledigt. Sie führten das Geschäft allein. Paule beschaffte die Ware, Martha verkaufte sie. Manchmal stand er auch bei seiner Martha hinter dem Ladentisch, beriet, verkaufte. Sie waren nicht verbittert. Sie haderten nicht mit ihrem Schicksal, zwei einfache Leute, die nach dem ersten Weltkrieg aus der Gegend um Bromberg als Umsiedler ins Reich kamen. Den Polen hatte nämlich das Versailler Abkommen die Heimat der beiden zugesprochen. Also mussten sie gehen. Sie besaßen nichts. Sie bauten ihre Existenz zweimal auf, buchstäblich aus dem Nichts. Beide waren stadtbekannt, waren hoch angesehen, waren Kaufleute von hanseatischem Format – Handschlag galt, redlich, aufrichtig, korrekt und überaus penibel in der Rechnungslegung. Der Preußische Landbote besitzt noch ein Kassenbuch aus diesem Geschäft und es ist uns heilig. Weil es ein Fetisch ist? Nee, weil es just diesen hanseatischen Kaufmannsgeist atmet, weil es ihn konserviert hat. „Im Kassenbuch wird nicht ausgestrichen, radiert oder ausgekratzt!“, sagte Paul zu seinem kleinen Stiefenkel. „Deshalb überlegt man sich vorher, was man schreibt und ist immer mit den Gedanken bei der Sache!“ Die beiden begrüßten jeden Kunden höflich und – ob sie nun etwas gekauft hatten oder nicht – verabschiedeten sie mit derselben Wertschätzung und wenn es anging, begleiteten sie die verehrte Kundschaft bis zu Tür: „Hat uns sehr gefreut. Bitte beehren Sie uns recht bald wieder! Auf Wiedersehen!“ Darin lag nichts Gekünsteltes, Aufgesetztes, Heuchlerisches. Das war echt. Auch in den Zeiten der größten DDR der ganzen Welt, welche sich von ihrer Ideologie in die Pflicht genommen sah, kleinen selbstständigen Kaufladeninhabern, die sich weder in die Konsum-Genossenschaft noch in die Handelsorganisation HO integrieren lassen wollten, das Leben so schwer als möglich zu machen, behielten sie diesen Anstand bei. Andere Verkäufer und Verkäuferinnen raunzten ihre Kunden bereits mit einem gebellten „Ha’m wa nicht!“ an, bevor diese nach Eintritt in den Laden ihr obligatorisches „Ha’m Se vielleicht …?“ auch nur zu Ende fragen konnten. Ja, manchmal hieß es: „Wes(t)wegen sind ‘S’n hier?“ oder „Forum geht’s denn?“, was dezente Hinweise darauf waren, dass die Verfügbarkeit der Ware entscheidend davon abhing, ob man willens und in der Lage war, in frei konvertierbarer Währung zu bezahlen. Doch auch das war selten, denn wann der solcherart düpierte Kunde plötzlich einen ABI-Ausweis (ABI war die mächtige Arbeiter- und Bauern-Inspektion) zückte, konnte diese Wendung das vertrocknete Verkäuferherz sehr schnell zu ungesunden Frequenzen bis hin zu Asystolien oder Kammerflimmern veranlassen. Nein, Martha und Paul Labod waren höflich zu den Kunden, nicht primär, weil diese ihnen das Brot auf den Tisch brachten, sondern weil sich das so gehörte und weil das so in ihnen drin war! Sie waren grundanständige Kaufleute mit Stolz auf den Berufsstand und einem Ehrgefühl. Dieser Umstand wird zu einem großen Teil zu ihrer Popularität beigetragen haben und sicherlich auch, dass es bei ihnen selbstredend keine Unter-dem-Ladentisch-Geschäfte gab. Was sie organisieren konnten, wurde, solange der Vorrat reichte, an den verkauft, der nachfragte. Ein solches Gebaren kontrastierte wie gesagt zu einem Großteil sozialistischer Verkaufs-Unkultur. Das Geblaffe war das eine. Der Mangel, der in einer Art präkommunistischer Tauschwirtschaft in parallelen, sehr oft privaten Handelsstrukturen teilweise kompensiert wurde und alle außen vorließ, die nichts zu diesem Handel beitragen konnten, schuf eine ganz eigene Art der Handelskommunikation: – „Hast’e ‘n Sack Rüdersdorfer Zement?“ „Sagen wa mal so: Ick kenne een, der hat ‘ne niegelnagelneue Auspuffanlage für’n Trabbi und ‘n Kasten Radeberger, die könn’ter sich vorstellen, jejen ‘ne Forschter Heizung und ‘ne Kruke Hedwig Bollhagen oder Bürgeler zu tauschen. Wenn det nich verfüchbar is, ‘n erzjebirg’scher Nussknacker plus ‘n Brauner, also ‘n Fuffi West tun’t ooch! Wenne det hast, kommste noch mal längs! Denn reden wa weiter!“ So in etwa lief das. Nun stellte sich der unbedarfte Ossi – auch geprägt vom westlichen Werbefernsehen oder den Erinnerungen an die vorsozialistische Zeit – vor, dass das im Westen alles anders liefe: Die Händler wollen verkaufen und sind deshalb zuvorkommend und höflich und warum sollten sie das auch nicht sein? Es gibt ja alles, ergo auch keine nörgelnden und von elend langen Warteschlangen zermürbten und angefressenen Konsumenten. Überall herrscht eitel Sonnenschein und Überfluss … Ach komm! Wat’n Irrtum! Auch der Ossi musste irgendwann einmal schmerzlich lernen, was der Begriff „Servicewüste Deutschland“ beschreibt. Die Freundlichkeit trägt oftmals „professionelle“ Züge, die Mogelpackungen schwitzen bereits die Lüge aus und wer Redlichkeit im deutschen Geschäftsgebaren sucht, sollte sich im Robert-Koch-Institut ein gutes Mikroskop besorgen. 400fache Vergrößerung, Hämalaun-Eosin- oder Azananfärbung … dann hat man vieelicht eine reelle Chance. Das beginnt schon bei der Fernsehwerbung. Jeder, der noch drei Neuronen mehr als eine Amöbe zu mobilisieren in der Lage ist, hat mittlerweile begriffen, dass der Kram, der in der Fernsehwerbung angepriesen wird, zu gefühlten 95 % aus Ladenhütern, Müll und drittklassigem Tinnef besteht, den man sonst nicht loswerden würde, nun aber sogar überteuert verkaufen kann, weil das Konsumentenvolk im IQ-Test gegen die Amöben eben regelmäßig nur zweiter Sieger ist und jeden Blödsinn glaubt, der über die Mattscheibe flimmert. Nur verhältnismäßig wenige Leute hinterfragen, warum zum Beispiel Boschs blaue Serie oder HILTI nie in der Fernsehwerbung auftauchen. Qualität fürs Leben wirbt für sich selbst, ist erhaben über Marktgeschrei. Markenadel verpflichtet zur Dezenz. Später, im Laden selbst, begegnet man dann nur allzu oft einer aufgesetzten, abgestumpften, teilnahmslosen, verlangten und jobtuerischen Höflichkeit, die noch beleidigender wirkt, als das sozialistische Anranzen der Kundschaft. Diese Lümmel beiderlei Geschlechts darauf hinzuweisen, dass man die Ware schließlich mit hartem Westgeld und nicht mit Alu-Chips bezahlt und deshalb auch entsprechende Qualität und Verkaufsservice einfordert, fruchtet schon lange nichts mehr: Die meisten dieser Heiducken kennen den Unterschied zwischen einer international gefragten und einer wertlosen Binnenwährung nicht mehr. Dennoch gibt es einen zunehmend wachsenden Sektor, durch dessen Hinterpforte sich die Tugenden hanseatischer Kaufmannschaft wieder einschleichen. Wir reden vom Online-Handel. Es sind die kleinen, privaten Internet-Verkäufer, die in der überwiegenden Anzahl genau jene Tugenden des Ehepaars Labod wieder aufgreifen. Höflich, dienstbeflissen und auf Qualität von Ware und Verpackung bedacht, flink im Versand und um gute Bewertungen bemüht, treffen wir hier den alten, so schmerzlich vermissten hanseatischen Kaufmannsgeist wieder. Ja klar – die kleinen Händler hätten widrigenfalls auch viel zu verlieren. Drei miese Kritiken und der Händler kann dicht machen. Angst macht nett. Es ist nur schade, dass die Menschen nicht von sich aus freundlich sein können, dass die meisten nur ihren Job tun, dass sie keine einheitlichen Charaktere sind, dass sie kurzgesagt ein privates Gesicht in Opposition zu ihrem „öffentlichen“ Gesicht kultivieren. Eine solche künstliche Schizophrenie ist pathologisch. Was aber für den Einzelnen nicht gesund ist, kann für die Gesellschaft als Ganzes nicht gesund sein. Denn die Gesellschaft ist nichts anderes als ein aus Individuen bestehender Großorganismus. Der Wahrheitsgehalt dieser Aussage lässt sich am gegenwärtigen Zustand des deutschen Volkes leicht überprüfen. Der Umgang von fremden Menschen miteinander, der sich schließlich in der Mehrzahl über Handelskontakte verschiedenster Ausprägung generiert, ist dabei ein sehr zuverlässiger Lackmus-Test. Die Kritik, dass wir selbst nicht zu den höflichsten, konziliantesten und umgänglichsten Gazetten des Reiches zählen, müssen wir dabei als unabweisbar gelten lassen. Courtoise und Versöhnlichkeit stehen auf unserem Panier nicht ganz oben. Vielleicht hätten wir mehr von Martha und Paul Labod lernen sollen, statt von unserem Säulenheiligen Thomas Müntzer. Erstere beschlossen ihr irdisches Dasein als hochgeachtete Leute – letzterer als tragischer Held auf dem Richtblock zu Mühlhausen. |
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| 33. Volumen |
©B.St.Ff.Esq., Pr.B.&Co,2003 24.05.2026 |