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Der Mann ohne Gesicht
Zum Ableben von Markus „Mischa“
Wolf
B.
St. Fjøllfross
Stefan Zweig mutmaßte in seinen „Sternstunden der
Menschheit“, daß der Musikgigant Händel sich
den Karfreitag 1759 von seinem Herrgott als Sterbedatum ausbedungen
und erhalten hätte. Wohlgemerkt, wir reden hier nicht von
einem Freitod. Wir reden von einer Koinzidenz.
Es wird dieselbe Koinzidenz sein, die den General des Ministeriums
für Staatssicherheit a. D. Markus Wolf an einem 9. November
diese Welt verlassen ließ.
Denn das Schicksalsland des Markus Wolf hat unzweifelhaft sein
Schicksalsdatum: Deutschland und der 9. November sind untrennbar
miteinander verbunden. Scheidemann und Liebknecht rufen 1918 die
Republik aus. Dreißig Jahre später brennen die Synagogen
des jüdischen Volkes, dessen Sohn Markus Wolf ist. 1989 dann
fällt die Mauer, die nach dem Bekenntnis des ehemaligen obersten
Dienstherren Wolfs noch hundert Jahre stehen sollte. Der Weg zur
Vereinigung der beiden deutschen Reststaaten wird frei. Und im
Jahre 2006 stirbt nun der Mann, der nicht nur in dem östlichen
Teilstaat der Mann, der für ganz Deutschland, wenn auch im
Verborgenen, eine ganz außerordentliche Rolle spielte. Selbst
die westdeutsche Politik auf allerhöchster Ebene wurde von
ihm nachhaltig beeinflußt. Seinen Namen kannten dagegen
Wenige.
Er war schon etwas Besonderes – dieser Markus Wolf. Als
Sohn eines intellektuellen und reichsweit bekannten Arztes und
Schriftstellers wurde er am 19. Januar 1923 zu Füßen
der Hohenzollern-Stammburg in eine jüdische Familie hineingeboren
geboren.
Der Druck der Nationalsozialisten zwang die Familie Wolf schon
früh ins damals kreuzgefährliche Moskau, in dem Jagodas,
Jeschows und Berijas Geheimdienst teilweise ärger wütete
als die Gestapo. Vor allem kommunistische Asylanten aus dem Westen
waren sehr schnell den Spionageverdächtigungen der Tschekisten
ausgesetzt. Dennoch machte Wolf dort seinen Weg und kehrte 1945
als Soldat der Roten Armee – nicht mit der Gruppe Ulbricht
– nach Deutschland zurück.
Ab 1951 befaßte sich Wolf dann mit geheimdienstlicher Tätigkeit
– und das mit solch immensem Erfolg, daß er geradezu
zu einer Ikone der Verschwiegenen Zunft wurde. Gerade seine Handschrift
sorgte dafür, daß der mit irrwitzigem Aufwand betriebene
und damit hocheffiziente Innengeheimdienst der DDR auch nach außen
hin legendäre Erfolge verbuchen konnte. Als Gesamtheit gesehen
behauptete somit die Staatssicherheit in der Welt den unangefochten
den Platz 1 unter den Geheim- und Nachrichtendiensten.
Nun soll dieser Artikel keinesfalls in eine Jubelapologese für
Herrn Wolf abgleiten. Das wäre fatal. Denn, so anspruchsvoll
und edel die Idee des Kommunismus einst zur Befreiung der Unterdrückten
und Ausgebeuteten angetreten war, so gräßlich und unmenschlich
präsentierte sie sich vielerorts, als sie Macht und Gestalt
annahm.
Markus Wolf war ein lebenslanger Diener dieser Macht, die sich
im Laufe ihrer Geschichte vor ihren Ansprüchen und vor der
Menschheit mit ähnlicher Brutalität, Entfernung von
den propagierten Zielen und Strömen von Blut so gründlich
diskreditiert hatte, wie seinerzeit die katholische Kirche.
Die Frage, die dieser Artikel aufwerfen möchte, ist: Was
bewog einen Spitzen-Intellektuellen und Feingeist wie Wolf, diesem
System so lange und mit solcher Inbrunst zu dienen? War es die
Alternativlosigkeit, war es die tödliche Verschreibung und
damit Festlegung der eigenen Biographie auf diese „Seite“?
1986 demissionierte er. Legte aus Querelen mit seinem bauernschlauen
aber ewig Prolet gebliebenen Chef Mielke die Dienstpistole auf
den Tisch und kehrte dem Laden den Rücken. Das dürfte
wohl das spannendste Kapitel seines Lebens gewesen sein. Denn
wie kündigt ein General bei einem totalitären Geheimdienst
und bleibt am Leben und ungeschoren?
Mehr noch: er schrieb gar das Buch „Die Troika“, das
sich ansatzweise systemkritisch mit den Zuständen des „real
existierenden Sozialismus“ auseinandersetzte. Warf da eine
ehrliche Haut das Handtuch, oder eher ein durchtriebener Fuchs
vom Schlage eines Albert Speer? Wir können getrost davon
ausgehen, daß Wolf bereits 1986 genau wußte, daß
der Laden DDR GmbH nicht mehr zu halten war. Also beizeiten weg
vom Zentrum der Macht, vor allem vom Zentrum des Bösen? Rechtzeitig
als 20.Juno - Verschnitt profilieren, damit die Rache der Sieger
nicht so arg ausfallen möge?
Wir wissen heute, daß dieses Kalkül nur in sehr begrenztem
Maße aufging. Zu zwei Jahren auf Bewährung ist er dann
doch noch verdonnert worden, nachdem sechs Jahre wegen Landesverrates
staatsrechtlich keinen Bestand hatten.
Er war ein brillanter Kopf, dieser Mischa Wolf. Das muß
der Neid ihm lassen. Das Klischee von der jüdisch dominierten
intellektuellen Oberschicht Deutschlands erfuhr durch ihn eine
glänzende Bestätigung. Der von der ewigen jüdischen
Weltverschwörung faselnde „Stürmer“ des
Julius Streicher hätte diesem gefundenen Fressen nur einige
wenige idiotische Karikaturen hinzuzufügen brauchen –
der Rest hätte sich schon von ganz allein zu einer Stürmer-typischen
Gruselgeschichte zusammengefügt.
Es ist schade um das tragische Resümee, das vom Leben des
Markus Wolf übrigbleibt. Er gehörte in die eine und
diente der anderen Welt. Er war sicher kein schlechter Privatmensch.
Sein Beruf aber stellte ihn zwangsläufig in die Riege der
Schwerverbrecher, in der noch jeder von einer Ideologie geleitete
Geheimdienstmann und -führer per se zu suchen und zu finden
ist. Wir geben nichts auf das unselige Geschwätz derer, die
diesen Menschen nun vollmundig und mit hohlen Sprüchen verdammen.
Wir sehen ihn kritisch – aber nicht ohne Respekt. Und vor
allem halten wir’s mit der ewigen Weisung der Römer:
DE MORTVIS NIHIL NISI BENE!
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