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S.
M. Druckepennig
Es ist diese eine Parkbank im Berliner Tiergarten, unweit der
Löwenbrücke. Und auf dieser Parkbank ist es diese eine
Stelle. Kommt man auf ihr zu sitzen, dann öffnet die gewaltige
Linde am Ufer des kleinen Teiches zwischen zwei ihrer Äste
ein Fenster, durch welches uns die Nike auf der Berliner Siegessäule
grüßt. Die Dame, im Volksmund despektierlich „Goldelse“
genannt, schaut nicht direkt zum Betrachter hinüber. Sie
sieht nach Westen, von wo sie die siegreichen, einst gen Frankreich
ausgezogenen Truppen zurückerwartete.
Beinahe jeden Morgen, wenn ich mit dem Drahtesel vom Bahnhof Zoo
kommend, durch den Tiergarten meinem Einsatzorte in Charlottenburg
zustrebe, gönne ich mir zehn Minuten auf dieser Parkbank,
eine kleine Zigarre paffend, sinnierend. Da sausen zwei Eichhörnchen
am Stamm der Linde hinauf und hinunter, flitzen über ihre
Baumstraßen von Geäst zu Geäst. Die Stockenten
schlafen noch, andere gakeln, die frechen Spatzen betteln um Brotkrümel,
ab und an verscheucht von einem größeren Singvogel.
Jogger kommen vorbei, Radler, es ist nicht viel Bewegung im Park
zu einer Zeit, da die Großstadt zu erwachen beginnt, aber
es ist Bewegung. Was einzig in sich ruht, ist dieses überdimensionale
goldene Weibsbild hoch oben auf ihrer Säule. Geflügelt
ist sie an den Schultern und müßte sich, wenn sie denn
ernst machen wollte mit dem Fliegen, gegen alle Gesetze der Physik
behaupten. Aber sie will ja nicht fliegen. Sie will dort stehen
und auf heimkehrende Krieger warten, um ihnen einen ebenfalls
goldenen Lorbeerkranz zu überreichen. Wofür? Nun, die
Platten am Sockel der Säule illustrieren das hinlänglich:
Eine Horde Nackter Affen genannt Deutsche haben einer anderen
Horde Nackter Affen genannt Franzosen nach allen Regeln der Kriegskunst
die Bäuche aufgeschlitzt, die Gliedmaßen verstümmelt,
die Köpfe zerschossen, bis ein paar Silberrücken zu
dem Schluß kamen, nun sei es genug der Schlachterei, wenn
das so weiter ginge, dann blieben am Ende keine Steuerzahler mehr
übrig, um sie, die Silberrücken, zu mästen und
an einem Leben in Saus und Braus zu erhalten. Besser sei es, die
Überlebenden für den verlorenen Kampf blechen zu lassen
und unter anderem dem Sieger ein beschauliches Denkmal seines
glorreichen Sieges zu finanzieren. Nein, ein christlicher Engel
kann das kaum sein – er setzte denn der Bigotterie die Spitze
auf. Es ist eine Nike, eine griechische Siegesgöttin und
Götterbotin, die für das „Fernseh“ -vergnügen,
das die depperten Kreaturen aus Lehm und Dreck und dem Hauch des
Unendlichen (Stefan Heym) den von Langeweile geplagten Ewigen
mit ihrer Balgerei machten, einen nutzlosen Trostpreis zukommen
läßt.
Ein Sieg wird also an dieser Stelle zelebriert. Sieh an! Ein Sieg
Mann gegen Mann, Bajonett gegen Bauch, Kriegsmaschine gegen Kriegsmaschine,
Kapital gegen Kapital.
Wäre es nicht an der Zeit, die Säule umzuwidmen? Man
soll die alten Platten, die auf die Aussage der Siegessäule
hinweisen, nicht entfernen. Auch die Mikrobe der Menschlichen
Dummheit bedarf ihrer warnenden Mahnmale – auch wenn es
nichts fruchtet.
Es ist aber der grundfalsche Sieg, der hier bejubelt wird. Es
ist der Sieg der Primitivität. Warum also kann die Goldelse
ihren Kranz nicht Menschen entgegenhalten, die Siege erfochten
haben, die zu feiern die Menschheit wahrhaftigen Anlaß hätte,
Menschen, die beispielsweise den Sieg über den Inneren Schweinehund
errungen haben? Oder Menschen, die ihren Mitgeschöpfen Großes
schufen, Robert Koch, J. S. Bach, oder Alexander Fleming? Oder
einfach den alten, isländischen Grauquappenfischer Björn
vom Brekkukot und seine Frau, denen Halldor Laxness in seiner
überragenden Saga „Fischkonzert“ ein Denkmal
setzte? Dieses literarische Denkmal überragt die Berliner
Siegessäule um Dimensionen. Aber die Zahl der Leser nimmt
ab. Selbst der Mann, der sich morgens im Regionalzug über
die Blödheit der Fahrradfahrer aufregt, die ihre Drahtesel
nicht seinem Gusto entsprechend plazieren, ist nicht den Lesern
zuzurechnen, obgleich er die „Frankfurter Allgemeine“
in Händen hält. Sein schnelles und dummes Vorurteil
entlarvt ihn als jemanden, der die Zeitung plakativ mit sich herumschlappt,
damit allen anderen denken sollen, er sei ein ganz Schlauer. Das
ist die Klientel, die von solchen Denkmälern, wie Halldor
Laxness sie schuf, nicht erreicht wird.
Doch die Zahl der Glotzer dagegen steigt unaufhörlich. Und
darin läge die Chance der Siegessäule. Sie würde
selbst den Trottel erreichen, der geistig nicht zu erfassen in
der Lage ist, zu begreifen, daß man gefährliches Gepäckgut
wie zum Beispiel Fahrräder so sichern muß, daß
sie im Falle einer Notbremsung nicht Fahrgäste verkrüppelnd
durch den Waggon fliegen. Ich glaube, ich würde meinen Hut
vor der Dame in Gold ziehen, wenn sie sich nunmehr entschließen
könnte, den Inhalt ihrer Botschaft an die Erkenntnisse unserer
Tage anzugleichen.
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