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Heidi Hübner, geborene Bastian
26.7.1939 – 21.1.1971

In Memoriam

von Herrn B.St.Fjøllfross
Anfang 2006 verschwand das Grab. Fünfunddreißig Jahre hatte die Gemeinde Wittbrietzen ihrer Tochter Heidi Bastian die „ewige Ruhe“ gegönnt. Dann, eines Tages, war der Grabstein verschwunden und mit ihm die Grabeinfassung und der Marmordeckel. „Unserer lieben Heidi“ stand auf dem Stein zu lesen und das Geburtsdatum 26.7.1939 und der der Todestag 21.1.1971. Eine geknickte Rose und das Wort „Unvergessen“…
Unvergessen?
Stirbt ein Mensch, setzt das Vergessen ein. Sofort und unwiederbringlich. Die Spuren, die er auf seinem Lebensweg hinterließ, verwehen wie die welken Blätter im Herbstwind. Und irgendwann ist selbst der Name ausgelöscht – das Persönlichste, was dieser Seele einst zu Eigen war.
Die Vergänglichkeit ist eine unbarmherzige Göttin. Ihr Finger weist nur nach vorn, in die Zukunft.
Was blieb von der Frau, die einst Heidi Ruth Emmi Bastian hieß? Nichts ist mehr bekannt über ihre Kindertage, wie sie ihre Jugend verlebte, welche Träume sie für ihr Leben hatte, wie sie ihren Alltag bewältigte. Ihren Vater, den Tischler Alfred Bastian, sah sie vielleicht ein oder zweimal im Leben. Als der Krieg ausbrach, mußte Alfred ins Feld. Da war sie ein paar Wochen alt. Ein paar Mal Fronturlaub bekam der Gefreite Bastian eventuell. Dann jagte die Rote Armee seine Einheit in die Sümpfe von Ostrolenka. Nie kehrte Alfred Bastian zu Frau und Kindern zurück. Drei Töchter und einen Sohn hatte er hinterlassen. Heidi war seine Älteste. Heidis Mutter mußte sehen, wie sie ihre Kinder und den kleinen märkischen Vierseiten-Hof durchbrachte. Die Nachkriegszeit und die Forderungen der siegreichen Russen waren teils schlimmer als die Kriegstage. Emmi Bastian ließ manchmal Andeutungen fallen. Gab es eine Kindheit für die kleine Heidi?
Ein paar Schwarz-Weiß-Photos, stumme Erinnerungen, an was eigentlich: Heidi als Dreijährige auf dem Hof, dahinter die Mutter und die jüngere Schwester. Dann, die vierzehnjährige Heidi als Konfirmandin vor der Wittbrietzener Dorfkirche. Das war’s. Das nächste Bild zeigt schon eine junge, hübsche Frau bei einem Besuch in Hamburg, dann beim Ernteeinsatz. Wie waren eigentlich ihre Zeugnisse? Wir sehen sie anläßlich der Vereidigung ihres damaligen Verlobten. Wie hieß er? Woher kam er? Was wurde aus ihm? Wir wissen es nicht. Die Verlobung zerbrach. Selbst das allgewaltige, allwissende Internet gibt uns nicht den allergeringsten Hinweis.
Auf einem Photo besserer Qualität, aber immer noch schwarz-weiß, sitzt sie auf dem Brandenburger Dampfer „Aktivist“. Wohl ein Betriebsausflug auf der Havel.
Aus dem „SV-Ausweis“ der Heidi Hübner geht hervor, daß sie von 1945-1953 die Grundschule besuchte, von 1953- 1955 zur Oberschule ging und in Potsdam den Beruf einer Stenotypistin lernte. Kurzfristig war sie wohl bei den Potsdamer Wasserwerken angestellt gewesen und hatte eine Adresse in der Weinmeisterstraße am Heiligen See. War sie oft in den herrlichen Anlagen des Marmorpalais spazieren? Kannte sie Potsdam gut? Radelte sie auch mal durch den Park von Sanssouci? Besaß sie überhaupt ein Rad? Nichts, nichts, nichts wissen wir mehr. In Potsdam lernte sie einen jungen Studenten der Medizin kennen. Das muß so 1960 gewesen sein. Kurz vor dem Bau der Mauer. Der Student, ein gewisser Lothar Hübner aus dem Dorf Prützke bei Brandenburg hatte damals noch Logis in Potsdam, gleichwohl er an der Ost-Berliner Humboldt-Universität studierte. Der „Durchläufer“, eine S-Bahn, die vom Potsdamer Stadtbahnhof bis zum Berliner Bahnhof Friedrichstraße ohne Unterbrechung durch West-Berlin fuhr, brachte ihn allmorgendlich an die Charité.
Er muß ihr gefallen haben. Sie wurden ein Paar. Sie arbeitete, er studierte. Im April 1961 heiratete sie ihn. Die Hochzeit fand in aller Stille und Heimlichkeit in der Kleinstadt Seelow im Oderbruch statt, bei seiner Tante Anni und seinem Onkel Paul. Ihre Verwandtschaft wußte von nichts. Es gibt sehr schöne Hochzeitsphotos. Nein, nicht von der Hochzeit selbst. Nachgestellt. Er im schwarzen Anzug mit Fliege, sie im schlichten schwarzen Kleid vor dem Haus seiner Großeltern in Prützke. Die Kirschbäume im Garten stehen in voller Blüte. Sie ebenfalls. Doch der Schein trügt. Bald ist es vorbei mit der Idylle.
Da lebt sie nun, vierzig Kilometer Luftlinie von ihrem Heimatdorf und den Ihren. Vierzig Kilometer, das waren in der DDR der sechziger Jahre eine Tagesreise. Wollte sie nach Wittbrietzen, dann mußte sie mit dem Bus aus Lehnin nach Brandenburg, dort vom Trauerberg zum Hauptbahnhof hinunterlaufen, einen Zug nach Potsdam nehmen, auf dem damaligen Potsdamer Hauptbahnhof (heute Bahnhof Pirschheide) in einen Zug Richtung Jüterbog umsteigen, in Elsholz den Zug verlassen und dann noch drei Kilometer laufen.
Wer hatte damals schon ein Auto? Der Stellmacher Willi Gartensleben besaß einen F8 Kombi mit Holzverkleidung, ihre beste Freundin Hilde hatte einen Trabant mit der Nummer DV 44-39, sie besaß nicht einmal einen Drahtesel. Nicht in Prützke. Das ist sicher. Wollte der Bus sie mit ihrem Kinderwagen nicht mitnehmen ins zehn Kilometer entfernte Brandenburg, na, dann mußte sie eben mit oder ohne Kinderwagen laufen. Kam mehr als einmal vor.
Am 28. Mai des Jahres 1964 war sie nämlich eines Söhnchens genesen. Im Kloster Lehnin hatte sie ihn zur Welt gebracht und Michael hatte sie ihn genannt. Jahre später fand dieser Michael auf seiner Geburtsurkunde einen Zweitnamen, „Lothar“, von dem er bis zu diesem Tage nichts gewußt hatte. Heidi mußte ihren Mann geliebt haben, damals.
Kurze Zeit später aber war die Familientragödie schon in vollem Gange. Beide betrogen sich gegenseitig, was das Zeug hielt. Sie blieben sich nichts schuldig. Ihr Temperament bäumte sich gegen den weitaus schlaueren Lothar auf – am Ende unterlag sie. Von vornherein waren ihre Chancen nur gering gewesen. Bis zuletzt war sie in ihrem Herzen das einfache und im Herzen oberflächliche Bauernmädchen geblieben. Als die Not groß war, woran hätte sie sich noch halten können? Woran? In ihrer Seele gab es nichts, was den existentiellen Herausforderungen hätte ernsthaften Widerstand leisten können. Nicht im entferntesten!
Am Ende… – das war der 21. Januar 1971, jener grauenvolle Tag, jener Vorbote der Apokalypse. Für einige wenige Menschen nur. Für diese paar Wenigen. Aber für diese bedeutete dieser Tag die Katastrophe ihres Lebens. Untergang der Titanic. Pompeji. Hiroschima.
Die kleine Familie hatte eine Zweizimmerwohnung im fünften Stock eines Neubaus bezogen. Fernheizung und Warmwasser aus der Wand. Ein Komfort, von dem das Dorfmädchen Heidi wohl einst geträumt haben mochte. Ihr Mann war nun ein Gynäkologe. Seine Facharztausbildung absolvierte er bei ihrem Chef. Denn sie war mittlerweile die Chefsekretärin des Bezirkskrankenhauses Brandenburg an der Havel geworden. Ihr Boss war der berühmte Professor Grossmann, von dem es heißt, er sei der erste Gesundheitsminister des Nachkriegslandes Brandenburg gewesen. Als sie 1965 bei ihm zu arbeiten anfing, da war er der Ärztliche Direktor des Hauses und Chef der Frauenklinik. Sie hatte es geschafft. Eine gute Chefsekretärin ist eigentlich immer der Schwer- und Mittelpunkt eines Hauses, dessen Gravitationszentrum, in dem alle Fäden zusammenlaufen.
Es hätte alles gut werden können. Hätte. Statt dessen machte die heißblütige Heidi ihrem Lothar wohl des Öfteren die Hölle heiß, sie wußte wer sie war und was sie darstellte, tanzte auch mal gerne auf dem Tisch. Das war dem Lothar ein Dorn im Auge. Der mochte keine lauten Gesellschaften und vor allem keine Götter neben sich und suchte eher die stillere Zweisamkeit mit Heidis bester Freundin, die als Hebamme mit dem jungen Frauenarzt und Geburtshelfer im Kreißsaal des Bezirkskrankenhauses wohl die ein oder andere gemeinsame Schicht verbrachte.
Es ist schwer zu sagen, was in diesen Tagen geschah. Manche Leute erzählten, sie hätte ihr Problem mit Alkohol und Medikamenten „therapiert“. Der ein oder andere Suizidversuch soll wohl auch schon stattgefunden haben. Dem Vernehmen nach stand die Scheidung ins Haus. Sie war nur noch ein physisches und psychisches Wrack. Wer hielt noch zu ihr? WER? Das letzte von ihr existierende Bild zeigt ein aufgedunsenes Frauengesicht, rund wie der Vollmond, um Jahre gealtert.
Wenig später gab es sie nicht mehr. Am Donnerstag, dem 21. Januar 1971 sollte sie in die Bezirksnervenklinik Brandenburg-Görden eingewiesen werden. Um 9:00 Uhr sollte sie draußen sein. So brachte sie früh noch ihren Sohn Michael auf den Weg zum Frühhort. An dem Postgebäude des Brandenburger Neustädtischen Marktes verabschiedete sie sich von ihm. Das war das letzte Mal, daß er seine Mutter sah. Als sie heimkam, erhängte sie sich im Badezimmer der kleinen Zweizimmerwohnung Straße der Jungen Pioniere 41.
Als man ihren Mann fragte, wo denn seine Frau bliebe, ahnte er Schlimmes. Er fuhr stracks nach Hause und fand ihren leblosen Körper. Mehr als sie in den frühen Tod zu lavieren, hatte er nicht für sie tun können. Mehr war für ihn nicht drin, der er – Arzt hin oder her – selbst nur ein schwer persönlichkeitsgestörter armer Teufel war, selbstherrlich und voller Dünkel.
Man senkte ihren Leichnam in eine Grube und das Vergessen begann. Die täglich an sie dachte, war ihre Mutter, Emmi Bastian aus Wittbrietzen, die den Tod der Tochter nie verwand.
Für den Rest der Menschen, die während ihres Lebens mit ihr in Berührung kamen, reduzierten sich die Begegnungen mit ihr fortan nurmehr auf Episoden. Was von ihrem Leben blieb war ein Grabstein, eine Armbanduhr, ein Röhrenradio und ein Sohn.
Der Grabstein verschwand und auch den Sohn wird es nicht ewig geben.
Auf ihrer Grabstelle wuchert spärliches Gras und Löwenzahn. Die gezackten Blätter zittern leicht im Wind. Ein Käfer huscht eilig über den kargen märkischen Sandboden eines kleinen Zauche-Kirchhofs, sich darum nicht scherend, daß sechs Fuß unter ihm das letzte von dem vergeht, was einst ein unwiederbringliches und wertvolles Menschenleben gewesen ist.
Tausendfach trägt sich solches zu, Tag für Tag, Namen vergehen ins Namenlose – wenn man das verstanden hat, dann haben die Welt und der Tod ihren erbärmlichen Stachel verloren.
Ruhe wohl, arme Heidi Hübner, geborene Bastian, ob es für Deine gequälte Seele ein wie auch immer geartetes Asyl gibt, entzieht sich meiner Kenntnis.
Die Gemeinde Wittbrietzen nahm Dir nach geltendem Recht nach Ablauf Deiner „Liegezeit“ Dein Grab. Dein Gedenken sollen sie Dir nicht nehmen können. Denn, dem Du am 28. Mai 1964 den Namen Michael Lothar gabst, der heißt nun B. St. Fjøllfross und Kotofeij K. Bajun und hat noch vier weitere Namen und ist der Herausgeber einer eigenen Zeitung.
In diesem Blatt aber soll Dein Name bestehen bleiben und Dein Bild, solange das Deutsche Volk sich noch eine zentrale Bibliothek leistet. Denn das bist Du wert.
Amen

Heidi Bastian

 

Heidi Bastian, 1982 gezeichnet nach einer Photographie von ihrem 18jährigen Sohn

8. Volumen
© B.St.Ff.Esq., Pr.B.&Co,2006